Adventlich leben - menschlich werden


ADVENTLICH LEBEN – MENSCHLICH WERDEN

 

Titelthema im Katholischen Sonntagsblatt. Das Magazin für die Diözese Rottenburg-Stuttgart, Nr. 49 (3.12.17), S. 10-13

Herr Kreitmeir, in diesem Jahr ist der Advent nur drei Wochen lang? Reicht das, um sich auf Weihnachten vorzubereiten oder ist der Stress da schon vorprogrammiert?

 

Die Adventszeit 2017 ist tatsächlich sehr kurz, und wenn man da unvorbereitet herangeht und sich zu viel vornimmt, kann man schon in einen inneren Stress kommen. Die entscheidende Frage ist doch aber: Was will ich denn eigentlich mit der Adventszeit. Welche Freiräume oder welche Räume überhaupt soll er mir geben?

Was suchen und erwarten Menschen denn im Advent? Was erhoffen Sie sich von dieser Zeit?

 

Spirituelle Menschen möchten meiner Erfahrung nach in dieser heimeligen, aber auch dunklen Zeit einen Raum haben, um sich mal mit sich selbst und mit religiösen Grundfragen zu beschäftigen. Sie sehnen sich nach einer Art Auszeit, damit sie sich auf Weihnachten vorbereiten und sich darauf freuen können. Dazu brauchen sie allerdings auch Impulse, sei es über eine Kirchenzeitung, das Internet oder andere Medien.

 

Für viele Menschen läuft aber im Advent oft ein anderes Programm. So sehr, wie sie sich vielleicht nach einer besinnlichen Zeit sehnen, wird diese Zeit von Konsum und Weihnachtsfeiern überlagert. Wie macht man sich frei davon?

 

Es kommt ganz darauf an, wie eng man verflochten ist, etwa in der Arbeitswelt, wo dann betriebliche Weihnachtsfeiern anstehen. Ich selbst muss zum Beispiel hier im Klinikum an Weihnachtsfeiern mit unterschiedlichen Gruppen teilnehmen. Ich schaue – und das ist meine persönliche Befreiung –, dass ich nicht überall dabei sein muss und wo ich dabei bin, trete ich mit dem an, was mir wichtig ist: mit einem spirituellen Input zum Advent. Denn Weihnachtsfeiern verkommen ja sonst eher zu Betriebsfeiern mit einem »Weihnachtsbaum-Schlagobers«.

 

Kann man da gegensteuern?

 

Durchaus. Ich stelle fest, dass man sich auch bei rational und wirtschaftlich denkenden Geschäftsleitungen auf einmal darauf besinnt, vielleicht für einen religiösen Input zu sorgen. Ich bin da schon öfter angefragt worden. Ansonsten gilt für auch Weihnachtsfeiern: Ich muss nicht bis Ultimo dabeibleiben und alles mitmachen. Weniger ist da oft mehr.

 

Viele Menschen begnügen sich im Advent mit Gemütlichkeit bei Kerzenschein. Wie kann man über das Atmosphärische hinaus noch den »anderen Advent« mit seinen religiösen Herausforderungen vermitteln? Advent heißt ja auch: wachsam sein.

 

Das ist eine sehr wichtige Frage. Man kann den Advent vermitteln, wenn man es modern macht. Denn viele Menschen merken, dass sie durchs Leben stolpern, dass ihnen die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt. Da ist der Advent eine Zeit der Achtsamkeit und der Wachsamkeit, wie wir im Adventslied singen: »Wachet auf, ruft uns die Stimme, der Wächter sehr hoch auf der Zinne«. Hier geht es um die Stimme des Wächters in uns selber. Das heißt: Wir sollen auf unsere innere Stimme hören, die uns mahnt, aus dem Funktionieren maschinengleicher Abläufe auszusteigen, runterzufahren, langsamer zu treten. Die Stimme sagt oft: Halt an, halt ein, damit dein Leben nicht gelebt wird, sondern du es selber lebst.

 

Der Advent ist ja eigentlich eine Fastenzeit, obwohl das Weihnachtsgebäck schon in allen Variationen angeboten wird. Helfen gute Vorsätze für den Advent? Brauche ich einen Entschluss, einen Plan?

 

Man muss das Ganze nüchtern anschauen. Seit Ende August gibt es schon Weihnachtsgebäck zu kaufen. Mit persönlichen Entscheidungen kann man diesem Trend wehren. Es gilt, einen Entschluss zu fassen mit immer wieder kleinen Erinnerungen: „Wolltest du nicht…!?“ Manchmal hilft da eine Notiz am Badezimmer-Spiegel. Aber es braucht auch durchaus einen Plan. Da kann der Adventskalender in der klassischen Form eine Hilfe sein. Ich meine nicht den mit Schokolade! Man kann in der Adventszeit für jeden Tag Sinntexte bekommen, etwa im Adventskalender »Der andere Advent«, der immer mehr nachgefragt wird. Das kann helfen, den Vorsatz für einen anderen Advent immer wieder bewusst zu machen. Es gibt auch Angebote im Internet. Ich werde dort auch wieder einen neuen Online-Adventskalender einstellen unter dem Thema »Herz und Menschwerdung. 24 Stufen zu mehr Menschlichkeit«.

 

Welche Stufen oder – vielleicht ganz kleinen – Schritte empfehlen Sie für den Advent?

 

Ich bringe Videosequenzen, Musik, religiöse Sinntexte, Gedichte und jeweils einen kleinen Impuls, der helfen soll zur eigenen Menschwerdung zu finden. An Weihnachten feiern wir, dass Gott Mensch geworden ist, damit auch wir menschlicher werden. Gott zeigt Herz, indem er seinen Sohn auf die Welt schickte. Darauf möchte ich mein Augenmerk lenken. Es geht darum, dass ich wieder selbst Regie führe in meinem Leben, dass ich mal Stopp sage, dass ich mir auch etwas gönne, Quellen der Kraft finde, auftanken kann.

 

Wie sind diese Impulse in Ihrem Online-Adventskalender bisher angekommen?

 

Ich bin erstaunt, was es für Rückmeldungen gab und gibt. Zum Beispiel schreibt jemand, dass es für ihn ein Ritual geworden ist, sich mittags Zeit für die adventlichen Impulse zu nehmen und zu beten. Oder jemand freut sich, jeden Morgen ein Türchen anzuklicken und mit den Impulsen berührende Momente zu erleben, die auch im Alltag nachwirken.

 

Wie und wo kann ich im Advent sonst Nahrung für meinen Geist und meine Seele finden? Sollte es von kirchlicher Seite noch mehr Angebote geben?

 

Es wird wirklich schon viel angeboten, nur die Anbieter sollten auch aufpassen, dass es für sie nicht zum Stress wird. Denn was im Stress geboren wird, kommt nicht gut rüber. In den Großstädten laden die Kirchen oft zu kleinen Auszeiten ein: »Fünf Minuten für Gott« in der Mittagspause oder nach Feierabend. Der Klassiker ist die Roratemesse, wo Menschen wirklich früh aufstehen, um bei Kerzenschein Gottesdienst zu feiern. Man muss allerdings auch ein bisschen für diese besonderen Angebote werben ohne aufdringlich zu sein.

 

Sie selbst haben letztes Jahr ein Begleitbuch für Advent und Weihnachten herausgebracht mit dem Titel »Zeit für mich – Zeit für Gott«. Brauche ich dann doppelt Zeit? Oder kann ich die Erfahrung machen, dass Zeit für mich auch Zeit für Gott ist?

 

Dahinter steht eine spirituelle Grunderfahrung: Wenn ich zu mir selbst komme, komme ich zu einem Innenbereich, den wir Theologen Transzendenz in uns nennen. Die Adventszeit will uns Raum und Zeit schenken, zu uns selbst zu kommen. Denn wer zu sich selbst kommt, der wird zu den Grundfragen und Sehnsüchten seines Lebens kommen und er wird in einer Zeit der Stille aufatmen. In dieser Stille kann die innere Stimme Gottes zu uns sprechen. Und wenn ich mich richtig dafür öffne, ihm die Chance gebe, mir zu begegnen, dann wird diese Adventszeit noch bis ins Frühjahr nachhallen.

 

Ich investiere Zeit und bekomme etwas geschenkt?

 

Ja, Beten ist Sehnsucht und Sehnsucht ist Beten. Es ist das Gewahrwerden, die wie eine Nabelschnur zu Gott ist. Wenn ich Zeit für mich, Zeit für Stille suche und mir selber schenke, entdecke ich wieder diese Nabelschnur und diese tiefe innere Quelle der Geborgenheit, des Sinns, der Ausrichtung auf das Ziel meines Lebens. Ich darf aufatmen und einfach nur sein. Dies alles hat den Namen GOTT. Wir können so Gott begegnen, der sonst im Alltag kaum noch vorzukommen scheint, der wegrationalisiert und wegpsychologisiert wurde. Wenn ich mir also Zeit für mich nehme, bekomme ich das Doppelte geschenkt.

 

Weihnachten ist ja für die meisten ein »Geschenkefest«, Advent die Zeit des Geschenkekaufens. Wie kann man sinnvoll schenken ohne zu sehr im Materiellen stecken zu bleiben?

 

Hier ist die jeweilige Beziehung und Beziehungsqualität zwischen Menschen angesprochen. Ein Arbeitgeber schenkt seinen Angestellten etwas anderes als seiner Ehefrau oder einem guten Freund. Ich persönlich mache es so, dass ich das ganze Jahr über meine Augen öffne für Geschenke an meine Freunde und dann schon entsprechend etwas besorge, also nicht auf die Schnelle etwas kaufe. Es muss zu der Person passen. Dazu kommt dann auch noch der Aspekt der Vorfreude, die die schönste Freude ist. Oder ich schenke Zeit. Das ist überhaupt das Wertvollste. Da ich an Weihnachten als Seelsorger in der Klinik bin, nehme ich zum Beispiel in der Adventszeit eine Woche Urlaub und verbringe einige Tage davon mit Freunden. Das ist wirklich vorweihnachtlich. Und dann kann ich auch an Weihnachten mit Leib und Seele da sein für die Patienten und die Angestellten in der Klinik mit Gesprächen und guten Gottesdiensten.

 

Die Adventszeit dauert länger als die offizielle Weihnachtsfestzeit. Sie endet mit dem Fest der Taufe des Herrn am 7. Januar. Für viele Menschen, das bekunden auch immer wieder unsere Leserinnen und Lesern, dauert die Weihnachtszeit aber gefühlt immer noch bis Maria Lichtmess. Hat die Kirche hier das Empfinden der Gläubigen zu wenig berücksichtigt?

 

Ihre Leserinnen und Leser habe ein sehr gutes Gespür. Auch wenn ich mich jetzt etwas weit aus dem Fenster lehne: Ich glaube, die Verkürzung der Weihnachtszeit war eher eine Kopfentscheidung, theologisiert von liturgischen Gremien. Theologisch ist es korrekt, dass die Weihnachtszeit mit der Taufe des Herrn aufhört, aber vom Gefühl her voll daneben. Auch wenn es gegen den Trend ist: Wir werden hier im Klinikum erst an Heiligabend die Lichter am Christbaum anzünden und ihn dann aber auch bis Maria Lichtmess stehenlassen. Diese Freiheit besteht und die Menschen sind immer dankbar dafür.

 

Interview: Beate-Maria Link