Predigt am Fest des hl. Stephanus 2015


Je suis Étienne – ich bin Stephanus

 

Als vor knapp einem Jahr Terroristen in Paris in die Redaktion der Satirezeitschift „Charlie Hebdo“ eindrangen und Zeichner erschossen und kurz darauf ein Komplize Menschen tötete, die sich gerade beim Einkauf in einem jüdischen Supermarkt befanden, da war nicht nur das Entsetzen groß. Und erst vor ein paar Wochen war es, dass Terroristen wieder in Paris sehr viele Menschen an verschiedenen Orten töteten. Massen gingen jedes Mal nach dem Schock auf die Straße, um diesem Terror die Stirn zu bieten und bekannten:

 

„Je suis Charlie“ oder „Je suis Paris“.

 

Wenn zur selben Zeit in Libyen, in Syrien oder anderswo Christen in die Gewalt von Anhängern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) fallen, gequält und getötet werden, dann war das in den Medien nur wenige Zeilen bzw. Sekunden Thema. Das sind Probleme, die zu Weihnachten niemand hören will, und die doch eine Realität bilden. Am Fest des Erzmärtyrer Stephanus einen Tag nach Weihnachten darf und muss das Thema sein ...

 

Bereits seit der Einführung des Weihnachtsfestes als christlicher Festtag im 4. Jahrhundert wird am folgenden Tag, also am heutigen 26. Dezember, der Gedenktag an Stephanus, den ersten christlichen Märtyrer, begangen. Da hatte die junge Christenheit schon beinahe 300 Jahre Erfahrung mit Verfolgung und Tod. Während viele Zeitgenossen verächtlich auf die Dummheit der Christen herabsahen, weil diese nicht kämpften oder zurückschlugen, waren andere so von diesem Glaubenszeugnis beeindruckt, dass sie zum christlichen Glauben fanden.

 

Verfolgung von Christen gibt es bis heute in vielen Ländern, was die meisten hierzulande allerdings nicht im Blick haben. Die Kirche ruft deshalb seit 2003 dazu auf, am Stephanustag für die verfolgten Christen zu beten, und auch manche evangelische Landeskirche begeht diesen Tag als Gebetstag für verfolgte Christen.

 

 „Je suis Étienne – ich bin Stephanus.“ Wer ruft so angesichts dieser Verfolgungen?

 

Wer betet für die Opfer? Wer betet für die Täter?

 

Der Jesuitenpater Alfred Delp, der selbst ein Opfer der Naziverfolgung wurde, schrieb einmal über Stephanus folgendes, das ich Ihnen und mir als geistlichen Impuls für heute schenken möchte:

 

"Da ist die Gestalt des Stephanus, des Mannes, der Weihnachten erlebt und ernst genommen hatte. Und sie zeigt, was aus einem Menschen wird, der das Weihnachtsgeheimnis wirklich zum Grundgeheimnis seines Lebens macht. ‚In jenen Tagen wirkte Stephanus voll Gnade und Kraft große Wunder und Zeichen unter dem Volke" (Apg 6,8).

 

Voll Gnade und Kraft. Das erste, was gesagt wird.

 

Der Mann, der über sich selbst hinausgewachsen ist, der Mensch, der alle menschlichen Grenzen hinter sich lässt, der übermenschliche Möglichkeiten zur Verfügung hat, weil er die Botschaft von der Vergöttlichung des Menschen ernst genommen hat: dass die göttliche Kraft und die göttliche Wirklichkeit zur Verfügung steht und in uns am Wachsen und Werden ist, und dass deswegen der Raum, der über dem gläubigen Menschen, dem Christen, steht, mehr ist als der nur menschliche Raum.“

 

(Stephanus, Alfred Delp, Gesammelte Schriften, hrsg. von Roman Bleistein, Frankfurt 1984, Bd. III.)

 

Amen.