an-fangen

 

Im Substantiv Anfang steckt das Verb fangen.

Wir fassen die kommenden zwölf Monate ins Auge.

Doch fangen, also durch Fassen ergreifen, könnten wir sie nicht.

Die Zeit fließt unaufhörlich dahin. Sie zerrinnt zwischen unseren Fingern.

 

Die Griechen haben den Fluss der Zeit – Chronos –

vom rechten Augenblick – Kairos – unterschieden.

Kairos wird als nackter, dahineilender Jüngling dargestellt,

an Fersen und Schultern mit Flügeln ausgestattet.

Die Zeit fliegt vorbei.

Kairos trägt auf dem Vorderkopf blonde Locken. Der Hinterkopf ist kahlgeschoren.

Den richtigen Augenblick muss man am Schopf packen, ihn fangen!

Sonst huscht er vorbei – und kommt so nie wieder.

 

Die Grundbotschaft Jesu lautet: Die Königsherrschaft Gottes ist nahe.

Wörtlich wäre zu übersetzen: Sie ist zum Greifen nah.

In ihm, Jesus von Nazareth, in seinen Worten, Gesten und Machttaten,

ist Gott den Menschen auf einmalige Weise nahegekommen,

und das in einer irdisch befristeten Zeit.

Dieses aufblitzende Licht „hat die Finsternis nicht ergriffen“ (Joh 1,5).

 

Das Christentum ist aus einer großen Krise hervorgegangen:

Mit Jesu Kreuzigung schien auch die Botschaft gestorben.

Und dann schafft Gott einen unerwarteten Neuanfang!

Den gilt es für uns, im Glauben, zu ergreifen, heute und jeden Tag.

Krisen lähmen gewöhnlich, können aber auch herausfordern.

Die Bitte Jesu an uns zum Jahresanfang könnte lauten:

 

Höre nie auf anzufangen und fange nie an aufzuhören!

 

Ob im Schönen oder im Schweren:

Immer wieder neu klein anfangen können, ist eine Gnade.

Gott schenkt uns 365 Tage lang einen neuen Anfang.

Bitten wir, dass wir diese Gnade wachen Herzens ergreifen (können).

 

Karl Kern SJ